Weltschmerz und Weltfreude
Hand hoch: wer kennt dieses grauschwarze Gefühl, wenn das Herz steinschwer in der Brust liegt, die Gedanken schlammig-trübe im Kopf kreisen und der Körper schwammig-unförmig in irgendeiner Ecke kauert? Es wird gern Weltschmerz genannt. Die Glücklichen unter uns können dann in zehn Minuten fünfundzwanzig Taschentücher vollheulen. Die Anlässe dafür sind vielfältig. Einer davon könnte Liebeskummer sein.
Mein persönliches Highlight war die Trauer um einen nicht vorhandenen Vater. Die kann ich empfehlen, bei mir hielt sie ca. fünfzehn Jahre vor!
Auf jeden Fall scheint der Weltschmerz mit einem Gefühl von Trennung von etwas oder jemandem zu tun zu haben, der sehr wichtig ist für die Identität.
Auch Kinder, die einen Teil ihres Lebens im Ausland verbracht haben, werden sich dieses Schmerzes oft bedienen, wenn sie dann woanders wohnen. Denn sie haben nicht einfach eine Zeit lang dort gelebt. Sie haben dort gestaunt, gespielt, gelernt, die Kultur eingeatmet. Sie waren dort jemand, die sie nirgendwo anders mehr richtig sein können. Denn dort, im Ausland, ist so vieles anders als hier, in Deutschland. Und doch haben sie diese Grenzen wieder und wieder überflogen, so lange, bis beide Seiten tief ins Herz und in das Gefühl von "wer-ich-bin" eingegraben waren, durch nichts mehr wieder zu tilgen.
Diese Kinder sind nun aber nicht (nur) zu bedauern. Sie sind die Menschen der Zukunft, die nicht nur in ihrem Kopf, sondern auch im Herzen wissen: die Welt, die Menschen, wir sind eins. Wir streben nach denselben Dingen, wir fürchten dieselben Dinge. Und diese Wahrheit ist tiefer als die Wahrheit der Trennung.
Hand hoch: was sind eure Pendants zu den Taschentüchern? Eine gefundene und gepflegte Liebesbeziehung; ein liebevoller, präsenter Vater; ein Land, von dem man sich warm umfangen fühlt - wie feiert ihr das? Wenn wir in Zyklen weinen, so feiern wir in Zyklen; und das Lachen schallt immer ein Stückchen weiter als die Tränen sickern können.